Szene

Mal zur Abwechslung eine Szene aus einem Buch, welches ich derzeit lese (Die Magier von Montparnasse). Diese Szene ist... anders geschrieben als der Rest. Diese Szene kommt mitten im Buch vor und ist kursiv geschrieben (was der Rest nicht ist). Mir viel sie einfach auf und ich mag sie, deshalb tippte ich sie ab. Da diese Szene aber zu viel ist für einen Eintrag, kommt heute ein Teil und der Rest demnächst. Weiß nicht so genau, warum ich es überhaupt abtippen wollte, aber die Szene hat's mir irgendwie angetan.

Ab Seite 211 - "Blanche"

In meinem Traum schwebe ich wie ein Blatt auf dem Wasser. Kein Ufer, kein Zweig, kein Fels, der mich hält, nur das Wasser. Ich treibe im Kreis, mal hierhin, mal dorthin, und ich habe keinen Sinn für die Zeit oder den Ort, an dem ich mich befinde. Da ist nichts, für sehr lange Zeit.

So bin ich allein, und ich frage mich, ob da nicht andere sein müssten. Manchmal höre ich Stimmen im Nichts, und ich versuche, etwas zu sagen, aber sie hören mich nicht. Ich spüre, dass ich etwas tun muss. Und ich stelle sie mir vor, diese Stimmen, mit aller Macht, wie man sich selbst am Aufwachen hindert, denn dieser Traum ist alles, was mir vom Leben geblieben ist, und wenn ich losließe, wenn ich zuließe, dass es endet, würde ich erlöschen, würde versinken wie ein Tropfen Blut im Schnee, eine Handvoll Schnee in einem Bach, ein Bach in einem kalten Meer.

Ich kämpfe mich tiefer in Bilder. Entdecke Teile meines Bewusstseins wie Räume in einem alten Haus, Spielsachen in den Räumen. Ein Kaleidoskop, und darin: Splitter aus Licht. Und ich sehe sie, wie sie erblühen, und auf einmal wird alles ganz klar. Der Bach wird ein Delta aus Stein, die Cafés auf dem brandenden Boulevard sind wie Inseln, und ich sehe die Kreuzung mit der Metrostation, ich sehe das Dôme, die Rotonde und das Jardin, und die Menschen!

Ich gehe mit ihnen. Sie sind alles, was ich noch habe. Wenn sie gehen, vergehe ich auch. Doch wer sind sie?

Da ist Alphonse, wie ich Herr dieser Welt, und gleichzeitig ihr Gefangener. Ich fühle mich ihm verbunden, und ich bewundere und beneide ihn, wie er da hinter seinem Tresen steht, ein klitschnasses Handtuch um seinen haarigen Arm geschlungen, die Augen wach von Kaffee und Weinbrand, immer auf den Sprung, eine Täuschung zu durchschauen, doch blind gegenüber der einzigen Person, die ihn liebt, auch wenn sie es nicht so nennen würde. Er ist blind, denn im tiefsten Grunde seines Herzens hält er es für lächerlich, jemanden wie ihn zu lieben – ebenso gut könnte man eine Mauer lieben, oder die Dornenhecke, die sich an ihr festgesetzt hat. Er träumt von dem Tag, da er seine Mauer verlassen wird, und ahnt nicht, wie tief seine Wurzeln schon in den Mörtel reichen, wie lang seine Dornen sind, und dass jeder Versuch, ihn und die Mauer zu trennen, in Schmerzen enden muss.

Er glaubt, man müsse ihn respektieren, und vielleicht auch etwas fürchten, das hält er für erwachsener als die Liebe, von der er sich nur eine flüchtige Vorstellung machen konnte, bevor man sie für ihn zerschlug – und ehe Esmée kam, die Scherben zusammenzusetzen, ohne, dass er sie darum gebeten hätte, so als habe sie eine alte Tasse gefunden, die er nicht mehr zu brauchen vorgab, und die sie nun unter vielerlei Flüchen und Anfeindungen restauriert. Esmée ist eine Archäologin in einem feindlichen Land, nicht willkommen, nur geduldet, Visa für Visa, von der Fachwelt vergessen: die vielleicht einzige Spezialistin der Welt für das verloren geglaubte Alphonse-Service. Sie widmet sich ihrer Aufgabe dem Gedeih und Verderb, letzte Überlebende der Expedition, und forscht nach dem rastlosen Geist in dem alten Tempel, der sich ihr manchmal in einer weiteren Scherbe offenbart und sich dann wieder unter den Sand zurückzieht. Die Ruine Alphonse, die Wüste Alphonse, die man nicht lieben und doch nicht verlassen kann.

Doch ich bin jetzt da, ihn zu lieben, ich bin die Mauer, auf der er wächst, ich bin das ganze Jardin von den Liebesschreien aus dem Haute Loire bis zum Tropfen des Eisschranks im Keller. Ich atme mit den Fenstern und wehe mit den Küchendüften durch den Schankraum. Ich bin im Klirren der Weinflaschen und im Getrappel vieler kleiner Mäusefüße, die mit mir durch die Wände und Böden rasen, und von dort aus hinaus nach Paris, in die Welt. Ich schlage Wurzeln wie ein alter Baum. Ich sende meine Triebe in die Häuser, unter die Boulevards, in die tiefsten Katakomben; überall sind meine pelzigen Freunde, die mir Augen und Ohren sind und mir berichten, wie die Figuren Aufstellung beziehen. Ein Rauschen im Gaslicht, ein Geist über den Wasser des Kanals bin ich – eine einfache Herdgöttin, von den größeren Geistern vor die Pforten gesetzt, als sie anfing, lästig zu werden mit ihren Träumen von Dornenranken und Turmzimmern und Steppdecken, die Träume, die Ravi nun für mich träumt, während er nach mir sucht und ich nach ihm. Und manchmal erhasche ich einen Schatten meiner selbst auf dieser Suche, wie ich umgehe: körperlos, ahnungslos, schutzlos wie ein nacktes Kind – dabei will ich doch helfen, will dienstbar sein, will diese Menschen leben und erleben lassen, was ich nicht erleben kann.

bye bye,
Brainpain

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